Der vorsichtige Ausblick

Erstellt am 26. Mai 2021

„Nach Dürre, Käfer und Corona“ oder „Das Licht am Ende des Tunnels?“

Sicher, diese Überschrift löst geteilte Meinungen und Empfindungen aus. Die einen werden sagen: Verfrühter Optimismus - noch lange nicht – wie kommt er darauf? Die anderen meinen: Na, endlich – wird auch langsam Zeit – hat ja lange genug gedauert. Und dem Rest wird es egal sein.

Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser, ich schreibe diesen Bericht heute ausnahmsweise einmal unter dem Aspekt, wie ich, der Geschäftsführer des Kreiswaldbauvereins Rhein-Lahn, die augenblickliche Lage einschätze. Das, was Sie im Folgenden lesen, ist meine persönlicher und subjektiver Blickwinkel auf Ihren Wald und unseren Waldbauverein, durch die Brille des Geschäftsführers eben. Das tue ich sehr bewusst, denn nie zuvor habe ich im Kontakt mit (unseren) Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern direkt, oder zwischen den Zeilen so häufig die Frage darüber herausgehört, wie es nach Kalamitäten und Corona weitergehen wird, im Wald und auch im Waldbauverein. Der Wunsch nach Aufklärung ist in unsicheren Zeiten, die fast depressiv anmuten, verständlich und an sich nicht ungewöhnlich. Ich möchte mit meinen Gedanken gerne dazu beitragen, diese Aufklärungsarbeit ein Stück weit zu leisten. Verbunden damit möchte ich Sie aber auch an den profan sachlichen Dingen teilhaben lassen, die uns bisher beschäftigt haben und in der nächsten Zeit noch beschäftigen werden.

Doch vorab: Ich bekenne mich im Hinblick auf die eingangs gewählte Systematik der unterschiedlichen Stimmungsbilder sehr klar zur optimistisch veranlagten Gruppe und bin der Überzeugung, dass wir jetzt an einem Punkt angelangt sind, der eine Wende zum Aufwärtstrend markiert.

Das sehe ich sowohl für den geschundenen Wald, als auch für das stark gebeutelte, aktive Vereinsleben so.

Warum das meine Einschätzung ist?

Während ich diesen Bericht schreibe, es ist Ende Mai, gehen zum ersten die Inzidenzzahlen der Pandemie im Rhein-Lahn-Kreis stetig und rapide nach unten, die Impfquoten hingegen steigen und bekanntlich sind das kraft Gesetzes die Voraussetzungen dafür, sich wieder „näherkommen“ zu dürfen. Zum zweiten rangieren die bislang in 2021 auf die Erde gefallenen Niederschläge auf einem weitaus höheren Niveau, als das in den letzten drei Jahren davor der Fall gewesen ist - wenigstens in meinem Wohnort Allendorf ist das so. Eine Wetterstation, die ich seit 21 Jahren betreibe und, die mich über entsprechende Aufzeichnungen verfügen lässt, hat das unwiderlegbar gemessen. Diese Aufzeichnungen besagen: Im Vergleich liegen die Niederschläge für das Jahr 2021 in der bislang vergangenen Zeitspanne um ein sattes rundes Drittel höher, als in 2018,2019 und 2020 und damit bei augenblicklich 280 mm - wie bereits gesagt, es ist Ende Mai. Damit gleichen wir die Verluste in unseren Grundwasserspeichern natürlich nicht aus. Ein Vielfaches an Wasser wird benötigt, um die Einbußen wettzumachen. Unsere Waldbestände hingegen haben aber in diesem Jahr eine weitaus bessere Ausgangsposition, die jetzt möglicherweise doch noch vor uns liegenden trockenen Monate zu überstehen – also wenigstens das!

Irgendwann werden auch die Käfer wieder fliegen und nach neuen Opfern suchen. Es wäre schön, wenn sie es dabei so schwer wie möglich hätten. Um eine etwas dauerhaftere Entspannung zu erfahren, wünsche ich mir jetzt noch einen verregneten Sommer, verzeihen Sie mir das bitte.

Mussten Sie noch im Herbst des Jahres 2020 hauptsächlich davon lesen, wie schwierig es war, den Holzeinschlag in den vom Sturm, der Dürre und den Borkenkäfern zerstörten Fichtenbeständen zu organisieren und durchzuführen, so geht der Blick nun in Richtung Regeneration und Wiederaufbau. Zwar ist diese Aufgabe nicht einfacher, oder gar leichter zu bewältigen als es die Holzernte unter erschwerten Bedingungen gewesen ist, aber, alles was nun folgt, befasst sich mit der Zukunft – und mit der Frage: “Wie sieht der (mein) Wald von morgen aus – wie möchten wir, möchte ich ihn gestalten?“

Beim Abräumen trockener und zusammengebrochener Fichtenbestände gab es nicht viel zu entscheiden. Die mussten halt weg.

Nun jedoch stehen Entscheidungen an. Sie als Waldeigentümer müssen (oder dürfen) sie treffen. Sie beginnen allesamt mit der Überlegung darüber, auf welche „Pferde Sie setzen wollen und können“. Welche Baumarten wähle ich? Wo bekomme ich Pflanzen her? Wann ist der beste Pflanzzeitpunkt? Muss ich überhaupt pflanzen, oder stehen schon genug natürlich angesamte Bäume auf meiner Waldfläche? Wer hilft mir bei den anstehenden Planungen und Arbeiten? Wie schütze ich meine jungen Bäume? Wird meine Wiederbewaldung zukunftssicher sein? Und schließlich wird sich Jede und Jeder Gedanken darüber machen müssen, ob und wie die Finanzierung der anstehenden Projekte realisierbar ist.         

Falls Sie jetzt feststellen, dass es eben diese Fragen sind, die Sie bewegen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf den bereits erwähnten Artikel in der Herbstausgabe 2020 des "Waldbesitzer" lenken. Lesen Sie bitte den drittletzten Absatz. Und dann formuliere ich es so, wie es die TV-Werbung schon lange vor mir tat: „Hier werden Sie geholfen!“

Die anstehenden Arbeiten im Wald sind eine, um nicht zu sagen DIE Herausforderung und, wenn Sie mich fragen, auch diejenige mit höchster Priorität. Den im Abschnitt zuvor -zugegebenermaßen etwas kryptisch dargestellten Appell- mit Verweis auf meinen letzten Bericht wiederhole ich darum gerne im Klartext und meine Botschaft lautet: Bevor Sie die Wiederbewaldung Ihrer Kahlflächen in Angriff nehmen, holen Sie sich bitte fachlichen Rat bei Ihrem Waldbauverein und/oder den für Sie zuständigen Försterinnen und Förstern. Das ist bei der Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen äußerst hilfreich und führt Sie zum Ziel.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs. Um noch einmal zu verdeutlichen, um was und um wie viel es bei der Wiederbegründung der (neuen) Waldbestände geht, möchte ich, was die naturale Komponente der oben aufgeworfenen Fragen anbelangt, einen Satz des AGDW-Präsidenten, Hans-Georg von der Marwitz, bemühen: „Damit auch künftige Generationen über ausreichend heimisches Holz verfügen, muss die Waldbewirtschaftung mit einer breiten, standortgerechten Baumartenwahl abgesichert werden.“ Und aus den zuständigen Ministerien des Bundes und der Länder ist derweil gleichsinnig zu vernehmen: „Wir müssen die Wälder dringend umbauen, um sie auf Dauer anpassungs- und widerstandsfähiger zu machen. Das gelingt am ehesten mit naturnahen und strukturreichen Wäldern.“

Ich schließe mich beiden Aussagen uneingeschränkt an.

Jedoch, die Umsetzung der so formulierten hehren Ziele ist etwas aufwändiger, als die Forderung danach. So kommt es, dass die Anstrengungen, die zur Etablierung Ihres widerstands- und anpassungsfähigen Waldes notwendig sind, zur „Gesellschaftsaufgabe“ erklärt werden (müssen). Ich weiß, das klingt zunächst sehr abstrakt und hilft Ihnen auch nicht dabei, nur eine einzige Pflanze aus dem Pflanzsack zu nehmen und sie in die Erde einzugraben. Die „Gesellschaft“ ist Ihnen praktisch auch keine große Hilfe, wenn es darum geht, einen Zaun um Ihre Naturverjüngung zu bauen.

Während Sie aber nun des gesellschaftlichen Beistands entbehren müssen, was Ihren persönlichen Einsatz an Arbeitskraft und die Beschaffung von Pflanzen, Material und Dienstleistung anbelangt, ist das bei der Begleichung der Rechnungen, die Sie zweifelsohne dafür erhalten, gänzlich anders. Und so nimmt die Gesellschaft am ehesten die ihr zugewiesene Aufgabe in Form einer klassischen Kostenbeteiligung wahr. Wie viel? Das ist unterschiedlich und an viele Eingangsgrößen gebunden. Wie ich bereits erwähnte, befragen Sie dazu bitte Ihren Waldbauverein, Ihr Forstamt, oder Ihre Försterinnen und Förster. Und bevor ich es vergesse: Diese Fragen müssen Sie stellen, bevor Sie mit den Arbeiten beginnen, denn sonst ist Ihnen die „Gesellschaft“ nicht mehr in der Pflicht und Sie gehen leer aus!  

Ich komme zur der in meinen Augen zweiten Herausforderung. Das ist jene, die wohl eher die „Vereinsfunktionäre“ beschäftigen muss und sie lässt sich schlicht auf die Entscheidung reduzieren, wo, wann und wie können wir unsere Aktivitäten als Verein wiederaufleben lassen, vorausgesetzt, wir bleiben in annähernd normalem Fahrwasser.

Mir kommt da in erster Linie das Einberufen einer wieder mit persönlicher Anwesenheit gestaltbaren Mitgliederversammlung in den Sinn.

Wie Sie wissen, veranstalten wir unsere Mitgliederversammlungen traditionsgemäß zu einem späten Zeitpunkt im Jahr und da stelle ich mir vor, dass eine solche möglicherweise Ende November durchaus wieder abgehalten werden kann, selbstredend unter Beachtung der Regeln, die zu diesem Zeitpunkt evtl. noch, oder wieder gelten. Klar, es muss auch möglich sein, im Sinne eines es wieder „Dürfens“.

Natürlich wäre auch eine virtuelle Veranstaltung (neudeutsch „online-meeting“ genannt) vorstellbar. Der Gesetzgeber hat im vergangenen Jahr mit einem Maßnahmengesetz den Weg dafür geebnet. Es trägt den schillernden Namen (man muss ihn einfach einmal gehört haben): „Gesetz über Maßnahmen im Gesellschafts-, Genossenschafts-, Vereins-, Stiftungs- und Wohnungseigentumsrecht zur Bekämpfung der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie“, kurz „GesRuaCOVBekG“ genannt. Wer kann sich solche Bezeichnungen schon merken? Aber einerlei, selbiges war zunächst auf das Jahr 2020 befristet. Dann wurde eine Verordnung dazu gestrickt und mit dieser, mittlerweile zum zweiten Mal geänderten Rechtssetzung, gelten die Bestimmungen zur virtuellen „Ausgestaltung des Vereinslebens“ bis zum 31.12.2021 fort. Ein Verein kann also nach Maßgabe dieses Gesetzes auf digitaler Basis geführt und verwaltet werden - soweit die Theorie. Und nun die Praxis: Wenn ich mir vergegenwärtige, dass die Geschäftsstelle bei wenigstens einem Drittel der Mitglieder -aus welchen Gründen auch immer- bis heute über keine E-Mailadresse verfügt, um wie viel weniger wird dann wohl die Reflektion auf eine Zusammenkunft via Internet sein? Ich kann mir das nicht so recht vorstellen und wir, als Verein, können nicht sicherstellen, Sie alle auf diesem Weg zu erreichen. Also lassen wir es! Schließlich kann die digitale Variante das Aufeinandertreffen von Angesicht zu Angesicht auch nicht ansatzweise ersetzen. Und daran liegt, auch das entnehme ich Ihren Äußerungen, Ihnen und uns wohl am meisten.

Bei allem Optimismus, den ich im Hinblick auf eine in absehbarer Zeit wieder durchführbare Mitgliederversammlung hege, bin ich nicht so blauäugig, zu glauben, dass wir zu einem früheren Zeitpunkt, etwa direkt nach den Sommerferien, noch irgendeine andere Veranstaltung anberaumen könnten. Dieses, ebenfalls mir angetragene Ansinnen muss ich leider zerstreuen. Ich denke, Busreisen, Exkursionen und Lehrveranstaltungen müssen bis 2022 warten und dann sehen wir weiter.

Und, wenn ich schon dabei bin, möchte ich mich noch an diejenigen unter Ihnen wenden, die seit geraumer Zeit auf die Teilnahme an einem Motorsägenlehrgang warten, sei es nun derjenige, der landläufig und volksnah als „Fällschein“ bezeichnet wird, eigentlich aber aus einem Grundlagen- und einem Aufbaumodul nach den Grundsätzen der SVLFG besteht (und damit weit mehr bietet, als nur das Fällen von Bäumen), oder sei es derjenige, der die Werbung und das Aufarbeiten von Brennholz im öffentlichen Wald im Fokus hat.

Hier schaue ich hoffnungsvoll auf den Zeitraum des vor uns liegenden Winters. Nach meinem Dafürhalten kann der Startschuss da wieder fallen. Natürlich unterstelle ich auch hier den pandemieeindämmenden Aufwärtstrend. Lassen Sie sich also überraschen und warten Sie bitte mit noch ein wenig Geduld auf die Einladung Ihres Waldbauvereins. Sie kommt früher, oder später, aber sie kommt!

Ich bin kein Wahrsager und kein Hellseher. Der Ausblick, den ich bis hierher gegeben habe, ist meine ureigene Einschätzung und Meinung. Sie erhebt keinen Anspruch darauf, dass alles so eintritt, wie ich es skizziert habe. Die Indizienlage aber sagt mir: 2021 wird (und ist jetzt schon) besser, als es 2020 gewesen ist!

Doch, selbst wenn ich mich mit meinen „Prognosen“ zur Weiterentwicklung des Waldes und der Vereinsarbeit geirrt haben sollte, halte ich es ganz mit Schiller: „Ich bin nicht davon überzeugt, dass alles gutgehen wird. Aber ich bin davon überzeugt, dass nicht alles schiefgehen wird“.

Und damit richte ich den Blick einigermaßen zuversichtlich nach vorne und wünsche Ihnen, liebe Mitglieder, liebe Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer, dass auch Sie sich dieser Sichtweise ein wenig verschreiben können. Haben Sie alle einen guten Sommer!

„Things way up“ – wie die Amerikaner sagen.

 

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